Buchversammlung

Jodi Picoult – Zeit der Gespenster

„Als Ross Wakemann sich das erste Mal umbrachte, hatte er Erfolg, anders als beim zweiten oder dritten Mal.“ ~der erste Satz~

Zeit der Gespenster hat mich sehr positiv überrascht. Ich bin mit wenigen Erwartungen an das Buch herangetreten, da ich im Februar ziemlich viele Bücher in die Hand nahm, die sich vielversprechend anhörten, mich aber überhaupt nicht überzeugen konnten. Anders bei diesem Werk. Die Handlungsgrundlage bildet der tragische Tod einer jungen Frau und Mutter und eine damit verbundene alte Schuld. Beides ist der Grund, dass zornige indianische Geister auf einem Grundstück spuken, auf dem ein Kaufhaus errichtet werden soll. Was zunächst nach einer vielleicht kitschig, abgehobenen Fantasy-Story klingen mag, entpuppt sich bei tieferem Hineinstöbern als ein Werk, das gekonnt eine Liebesgeschichte und eine schreckliche Ära der amerikanischen Geschichte im Genre des Magischen Realismus verknüpft.

Ross Wakeman ist der Protagonist der Geschichte. Er kann nach einem Blitzschlag, den er wundersam überlebte, nicht mehr sterben. Bei einem Autounfall aber verlor er seine Frau und fühlt sich schuldig für ihren Tod. Um mit ihr wieder in Kontakt zu treten, setzt er sich mit der Welt des Paranormalen auseinander, in der Hoffnung, ihren Geist zu finden. Ihren Geist findet er nicht, doch begegnet er bei einem Auftrag dem Geist einer jungen Frau, der ihm die tragische Geschichte ihres Lebens in Comtosook erzählt. Als Opfer der Eugenetik (altgriech. „gutes Geschlecht“) in Amerika verliert die junge Frau nicht nur ihr Kind, sondern auch ihr Leben, nur um danach keine Ruhe zu finden.

Mich hat die Geschichte sehr bewegt. Vor allem auch, weil sie ruhig war. Es lässt sich schwer in Worte fassen. Ich hatte nicht das Gefühl, durch das Buch zu eilen, um der Geschichte so schnell wie möglich zu folgen. Es war eher ein ruhendes Lesen, das ermöglichte, die Geschichte wirklich wirken zu lassen. Und ich habe zwischendurch viel über Zitate und die Geschichte der Eugenetik nachgedacht. Im Endeffekt hat dieses Buch mich etwas von meinem Page Turner-Wahn gelöst und ich kann mich seitdem wieder mit deutlich mehr Zeit auf ein Buch einlassen. Das fand ich psychoanalytisch im Hinblick auf die Eugenetik sehr interessant, auch wenn sich diese eher mit der Genetik auseinandersetze und ich es hier eher im Sinne eines Ausleben oder Unterdrückens von Eigenschaften der Persönlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft interpretierte. Ich fragte mich, woher mein Drang kam, schneller und mehr zu lesen und inwiefern dies mit einem durch die Gesellschaft verinnerlichten Konzept von Förderung positiver Eigenschaften (Zielstrebigkeit, Fleiß, Tempo) und Vermeidung negativer Eigenschaften (Trägheit, Langsamkeit, Ausruhen) zusammenhing.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jodi Picoult wurde übrigens 1967 auf Long Island, NY geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern in Hanover, New Hampshire. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1992 (Songs of the humpback whale). Erstmals aufmerksam wurde ich auf sie durch ihren Roman 19 Minuten, den ich bisher aber noch nicht gelesen habe. Dann fiel mir vor einiger Zeit ein preisreduziertes Mängelexemplar von Zeit der Gespenster in die Hände und ich nahm es mit. Nachdem ich sehr überzeugt von dieser Geschichte bin, habe ich mir als Hörbuch-Ausgabe Zerbrechlich besorgt.

Genre: Magischer Realismus
Sterne: 5/5

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3 Kommentare zu „Jodi Picoult – Zeit der Gespenster

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