Buchversammlung · Buchwunder

Marisha Pessl – Die alltägliche Physik des Unglücks

Marisha Pessl ist meine persönliche, ja, womöglich späte Entdeckung, in diesem Frühjahr. Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal ihren Debütroman Die alltägliche Physik des Unglücks in der Hand. Einen dicken Schmöker von 720 Seiten, den ich erst einmal wieder zurück ins Regal stellte. Das Cover sprach mich damals an. Der Klappentext aber ließ mich eher denken, es handle sich um eine abgedroschene Jugendgeschichte, die wenig ereignisreich den Alltag der jungen Blue schildert. „Blue hat den Blues.“ – heißt es dort. Nicht sehr ansprechend, wie ich fand. Also vergaß ich das Buch mit der Zeit und Marisha Pessl blieb mir nur als Autorin eines Buches mit schönem Cover in Erinnerung.

Doch dann fand ich neben meiner Ausgabe von „Die Frau meines Lebens“ (Nicolas Barreau) diesen Februar in meiner alten Liebingsbuchhandlung den neuen Roman von Marisha Pessl Eine amerikanische Nacht (ich lese ich derzeit, Rezension folgt). Nachdem ich von dem Buch schon in der Buchhandlung sehr angetan war und er sich auch wirklich gut liest, spannend und sprachlich überzeugend ist, erinnerte ich mich an Die alltägliche Physik des Unglücks. Ich lud es mir bei audible als Hörbuchfassung herunter und begann es beim Autofahren zu lesen. Das war vor vier Tagen. Gestern Nacht hatte ich es bereits fertig gehört. Gelesen wird Die alltägliche Physik des Unglücks von Anna Thalbach. Manchmal ertrage ich ihre Stimme nicht, doch passt sie letztlich meist ganz gut zu den Geschichten, die ich von ihr gehört habe.

Doch nun zum Inhalt des Buches. Dieser lässt sich gar nicht so leicht in wenigen Sätzen zusammenfassen. Erzählt wird die Geschichte um Blue, einer Jugendlichen die ohne Mutter aufwächst. Ihr Vater, ein renommierter, gut aussehender, gebildeter Professor reist mit ihr von Universitätsstadt zu Universitätsstadt. Selten bleiben sie länger an einem Ort. Doch dann beschließt ihr Vater, ihr zuliebe länger an einem Ort zu bleiben. Er mietet eine kleine ansehnliche Villa und Blue wird die nächsten Monate immer zu ein und derselben Schule gehen, bis sie dort ihren Abschluss macht.

Blue ist ein recht einsames, sehr gebildetes Mädchen, Protagonistin und Erzählerin der Geschichte, die wir mit ihr erleben. Sie ist es gewöhnt, nirgends dazu zu gehören, Klassen– oder gar Schulbeste zu sein. Dies spiegelt sich auch in der Art, wie wir die Geschichte erzählt bekommen. Alle Gedanken sind verschachtelt, gespickt mit Informationen über Bücher und Filme. Die Überschriften zu den Kapiteln sind oft Titel andere, bekannter Werke (z.B. Hundert Jahre Einsamkeit), die uns schon in die rechte Stimmung für das kommende Kapitel bringen, wenn wir das Werk gelesen haben.

Nun, Blue gerät aus ihr nicht begreiflichen Gründen, in den Fokus von Hannah Schneider, einer Lehrerin an ihrer Schule, die sie gemeinsam mit anderen Jugendlichen, den sogenannten Bluebloods, jede Woche zu sich nach Hause einlädt. Blue wird zum ersten Mal in ihrem Leben Teil einer Clique und alles scheint einen guten Lauf zu nehmen. Bis sie eines Tages alle gemeinsam zum Campen fahren und ein mysteriöser Mord geschieht, der Blues Leben erschüttert.

Wer denkt, dass das Buch dann zu einem netten Krimi verkommt und dahinplätschert, hat sich immens geirrt. Denn auf der Suche nach der Wahrheit, deckt Blue wahrlich haarsträubende Erkenntnisse über ihr Umfeld auf. Spannend verfolgt man Hörminute um Hörminuten, was wohl als nächstes passieren mag. Das Buch wird zunehmend rasanter, unfassbarer – hört dann aber für mich recht plötzlich auf und klingt aus, wie ein Rockmusikstück, dass man auf Fade out stellte, statt es mit einem mächtigen Schlagzeugknall enden lässt.

Dennoch ein wirklich spannendes Hörereignis und tolles Debüt! Ich bin gespannt, wohin mich Eine amerikanische Nacht noch tragen wird.

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10 Kommentare zu „Marisha Pessl – Die alltägliche Physik des Unglücks

  1. Ich bin auch ein großer Fan von Marisha Pessl und habe ihren Erstling mit großer Begeisterung gelesen, auch ihr neuestes Buch, auf das wir ja ganz schön lange warten mussten, konnte mich überzeugen. Sehr sogar. 🙂

    1. Im Moment hänge ich etwas in der Mitte des Buches und dachte an der ein oder anderen Stelle: „Hätte man etwas straffer erzählen können.“

      1. Hätte Marisha Pessl sicherlich gekonnt, ich habe das Buch aber auch trotz dieser Längen geliebt – ich hoffe, du verliest nicht den Faden oder die Geduld. 🙂

    1. Guten Morgen.
      Ich bin noch dabei, es zu lesen. Hänge aber in der Mitte derzeit etwas fest. Es wirkt an einigen Stellen etwas langatmig auf mich. Zumindest im Moment. Aber ich werde definitiv berichten, sobald ich es beendet habe.

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