Buchversammlung

[Rezension] Barbara Vine – Kindes Kind

Schicksale mit Gruselfaktor

Auch in diesem Jahr lese ich mich munter weiter durch die Erscheinungen aus dem Diogenes Verlag. Barbara Vine gehört hier zu meinen Entdeckungen des Jahres 2015! Eher bekannt ist Barbara Vine als Ruth Rendell. Die Bücher, die sie unter ihrem Realnamen Rendell schrieb, sprachen mich bisher nie an. Kindes Kind aber interessierte mich sofort, nachdem ich die Buchvorstellung in der Verlagsvorschau entdeckt hatte.

kindeskind

Ich bin ein wenig überrascht, dass die Veröffentlichung dieses letzten Werkes von Ruth Rendell, sie verstarb leider im vergangenen Jahr, so schlecht ankam. Möglich, dass mir jegliche Enttäuschung beim Lesen erspart blieb, da ich noch nichts von der Autorin gelesen hatte. Aber selbst, wenn es ihr schwächstes Werk sein sollte, kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum es hier und da als gänzlich misslungen angesehen wird. Mich konnten beide Geschichten des Romans überzeugen. Und wie erwähnt: durch diesen (!) Roman wurde sie, neben Benjamin Lebert, zu meiner Neuentdeckung des vergangenen Jahres.

Doch zum Inhalt:
Zunächst lernen wir das Geschwisterpaar Grace und Andrew kennen, die von nun an gemeinsam im Haus der verstorbenen Großmutter leben wollen. Bald schon zieht Andrews Liebhaber mit ins Haus und von da an wird das gemeinsame Leben deutlich komplizierter. Nachdem es zum Eklat kommt, ziehen Andrew und sein Freund aus; Grace bleibt alleine zurück und ist am Boden zerstört. Sie flüchtet sich in einen unveröffentlichen Roman und muss feststellen, dass die Protagonisten dort mit einem ähnlichen Dilemma zu kämpfen haben wie sie und ihr Bruder.

Gebannt verfolgte ich mit Grace die Geschichte um Maud und ihren Bruder John, die eine Lüge leben, die ihr beider Leben bis zum Tod maßgeblich beeinflusst. Die Geschichte von Maud und John ist ungleich tragischer – und obwohl Maud und Grace in einer ähnlichen Situation sind und Maud ein schwerers Schicksal zu tragen hat, fühlte ich mich Grace stets näher. Veilleicht weil sie nicht so naiv in ihr „Unglück“ rannte und dann alle Welt dafür spüren ließ, wie ungerecht das Leben sei. Sie nahm ihren neuen Lebensweg und den Kummer um ihren Bruder Andrew mit Fassung an. Allerdings muss ich einräumen, dass Grace um einige Jahre älter war als Maud zu Beginn ihrer Geschichte.

Andrew und John als männliche Protagonisten fand ich beide ebenfalls gelungen und facettenreich. Doch hier mochte ich John mehr als Andrew. Johns Liebe war so allumfassend, dass es mir beim Lesen oft im Herzen weh tat! Was er alles getan und auf sich genommen hat! Unfassbar.

Gerade Johns Schicksal und wie er es handhabte gab dem Buch für mich einen gewissen Gruselfaktor. Es war so beklemmend! Und doch stand er zu jeder Zeit völlig hinter seiner Liebe.

Was ich nicht nachvollziehen kann, ist warum sich einige Leser darüber ärgern, dass der Roman ein schlechter Thriller sei. Für mich handelt es sich hier überhaupt nicht um einen Thriller. Es ist ein psychologisch dicht gewebter Roman um Tabus und Verstrickungen, die ich durchaus auch realitätsnäh sehe.

Erschienen ist Barbara Vines Roman 2015 als gebundene Ausgabe im Diogenes Verlag und kostet €24,00, als ebook €20,99. Die Übersetzung aus dem Englischen bearbeitete Orth-Guttmann.

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7 Kommentare zu „[Rezension] Barbara Vine – Kindes Kind

  1. Hallo,

    das klingt nach einem wirklich interessanten Roman.
    Ich habe auch noch nichts von Ruth Rendell gelesen, weil ich keine Krimi/Thriller Leserin bin, vom Namen her ist sie mir aber schon bekannt.
    Tragische Schicksale, Geheimnisse und Psychologie … scheint ein Buch für mich zu sein. Danke für die sehr gelungene Rezi.

    Viele liebe Grüße
    Nanni

  2. Hallo Mina, vor langer Zeit hatte ich mal eine kurze Krimi-Phase, und da habe ich einige sehr spannende Krimis von Ruth Rendell gelesen. Danke für die Erinnerung an die Autorin.
    Liebe Grüße, Madame Filigran

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