Ich habe schon ewig keinen wirklichen Klassiker mehr gelesen – abgesehen von meinem Hörspiel-Erlebnissen bin ich von diesen ziemlich abgekommen. Umso mehr freut es mich, dass ich bei einem Lagerfeuergespräch vergangene Woche auf Dostojewskis „Weiße Nächte“ aufmerksam wurde. Ich muss gestehen, dass ich zunächst eher zögerlich war. Mein einziger Dostojewski war bisher „Schuld und Sühne“ – und so sehr ich auch den Schreibstil dieses großen Russen mochte, konnte ich mich damals nur schwer mit der Geschichte anfreunden.

WeißeNächte_KleinTrotzdem, weil der Empfehlende so schwärmte, lud ich mir vor einigen Abenden „Weiße Nächte“ auf den Kindle und begann zu lesen. Ich geriet ganz unerwartet in den Sog dieser Novelle, die erstmals 1848 erschien. Der Protagnoist, ein unter Einsamkeit leidender Mann Mitte/Ende 20, schlendert immer wieder durch St. Petersburg. Zu Beginn schildert er uns die Menschen, denen er begegnet, die ihm durch seine vielen Spaziergänge vertraut und doch völllig fremd sind. Aktuell leidet er darunter, dass zunehmend alle bekannten Gesichter in die Sommerfrische auf Land fahren und er sich noch einsamer fühlt, als sonst in dieser großen Stadt. Einmal erträgt er es nicht mehr und läuft bis vor die Stadtmauern, um selbst in der Natur zu sein. Diese beschwingt ihn und er kommt gut gelaunt in einer Weißen Nacht (dämmrig helle Nächte, da die Sonne nur kurz untergeht) in die Stadt zurück. Dort trifft er am Ufer der Newa eine weinende junge Frau. Die Umstände der Nacht führen dazu, dass die beiden einander kennenlernen und folgend vier Nächte mit einander verbringen. In den ersten beiden Nächten wird neben der Begegnung der beiden, die Geschichte der Einsamkeit und der sozialphobischen Art des Protagonisten erzählt. In der dritten Nacht erzählt uns Nastenka ihre Geschichte und in der vierten und letzten Nacht spitzt sich die Geschichte zu, um in einer Tragödie zu enden.

Während ich zu Beginn den Protagonisten anstrengend fand und für mich relativ schnell klar war, warum er keinen Anschluss an die Gesellschaft oder gar eine Liebe für sich fand, wurde mir der schwierige Charakter Nastenkas erst später deutlich. Der Protagonist bleibt sich über die Novelle hinweg stets selbst treu. Er weiß, dass er verschroben-merkwürdig ist und dass seine unfreiwillige Einsamkeit nicht gerade dazu beiträgt, sich von dieser zu lösen. Im Gegenteil – auf mich wirkt er bisweilen wie erwähnt äußerst sozialphobisch und pendantisch. Dennoch hat er eine liebenswerte, fast kindliche Art, wie er an das Gute in den Menschen glaubt und alles, was ihm geschieht auf sich bezieht und die anderen dadurch verteidigt und entlastet.

Nastenka wiederum hat es wahrlich auch nicht einfach, da die junge Frau, die Lust auf das Leben hat, an ihre Großmutter gebunden ist. Unfrei begegnet sie ihrer Liebe, die sie dann jedoch wieder verliert. In der Zeit danach begegnet sie unserem Protagonisten. Insgesamt ist Nastenka immer wieder sehr wankelmütig. Von emotionaler Lebhaftigkeit durchströmt, lässt sie sich hinreißen, nur um in der nächsten Nacht harte Grenzen zu ziehen, die sie dann wieder einreißt. Diese Wankelmütigkeit gepaart mit ihrem Lebenshunger treibt die Tragödie voran.

Ich will Euch den Schluss nicht verraten, aber er hat mir das Herz gebrochen. Ich war erschüttert und mein Herz stand ganz still. Ich erlebte das Ende so heftig, dass ich für meinen neuen Genre-Begriff eingeführt habe: Herzstolperbücher. Und diese Novelle soll die erste sein, die ich in diese Kategorie einbinde.

Noch immer bin ich am Überlegen, warum mich die Geschichte so ergriffen hat. Ich glaube, zu erahnen, dass es daran lag, dass sie so real schien. Real mit ihrem traurigen Ausgang. Wie oft gehen Begegnungen, die gut sind und wunderbar, egal ob in Liebe oder Freundschaft, für beide oder für einen der beiden, traurig aus und laufen ins Leere, obwohl derjenige es verdient hätte, dass die gemeinsame Geschichte weitergeht? Und wieviele von uns, sind gefangen in ihrem Leben und sehnen sich nach Freundschaft und Nähe und Liebe? Da fällt mir ein, dass ich so beeindruckt war vom Protagonisten, als mir klar wurde, dass er trotz allem Kummer nicht zögerte sein Herz zu verschenken und sich zu öffen – und dass auf eine stürmisch berührende weise, die mich berührte. Ich glaube, ich wäre zögerlicher, mein Herz zu offenbaren und mich zu verlieben. Und ich glaube, eine Botschaft der Novelle ist auch, dass genau das sich lohnt: Sich zu öffnen und hinzugeben, auch wenn es schief geht.

Ich kann Euch dieses Werk nur empfehlen! Auch denjenigen, die von den dicken Wälzern Dostojewskis abgeschreckt sind und ihn deshalb bisher nicht lasen.

Es gibt verschiendene Ausgaben. Eine ist zum Beispiel als insel taschenbuch für € 6,00 erschienen. Ich las eine Kindle-Ausgabe für € 0,98.

Da der Empfehlende mir auch gleich danach noch Tschingis Aitmatows „Dshamilja“ empfahl und ich es genauso verschlang, wie „Weiße Nächte“, ist meine Klassiker-Flaute wohl durchbrochen und ich habe schon den „Huck Finn“ auf dem Nachttisch liegen.