Ich weiß noch, warum ich „Der Schatten des Windes“ kaufte und wo. Es 2003 in Trier, in der Buchhandlung Gegenlicht in der Glockenstraße. Daran kann ich mich deshalb so gut erinnern, weil es die Büchergilde Gutenberg Partnerbuchhandlung in Trier ist und meine Ausgabe von „Der Schatten des Windes“ ist eine Büchergilde-Ausgabe.

Nun, ich erinnere mich auch noch daran, dass ich es interessant fand, dass auf dem Klappentext stand, das Joschka Fischer gesagt habe:

„Sie werden alles liegen lassen und die Nacht durch lesen!“

Und dann schlug ich das Buch auf…
„Der Friedhof der Vergessenen Bücher (bereits hier begann mein Leserherz höher zu schlagen)
Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitnahm. Die ersten Sommertage des Jahres 1945 rieselten dahin, und wir gingen durch die Straßen eines Barcelonas, auf dem ein aschener Himmel lastete und dunstiges Sonnenlicht auf die Rambla de Santa Mónica filterte…“

… und nach diesen Zeilen versank ich damals in der Geschichte um den Friedhof der Vergessenen Bücher und Daniel Sempere, den Sohn eines Buchhändlers. Joschka Fischer sollte Recht behalten. Ich verschlang das Buch und ungeachtet dessen, dass ich montags morgens früh zur Arbeit musste, lass ich bis in die Morgendämmerung hinein.

Der Schatten des Windes ist der erste Band einer Reihe, die bisher drei Bände beinhaltet: Neben Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels und Der Gefangene des Himmels. Der letzte und vierte Band wurde noch nicht veröffentlicht.

Als Der Schatten des Windes auf den Markt kam, war zumindest mir nicht klar, dass es sich um eine Buchreihe handeln würde.

Daniel wird zu Beginn des Buch wie durch die zitierten Sätze ersichtlich von seinem Vater mit zum Friedhof der Vergessenen Bücher unter Stadt Barcelona genommen. Niemandem darf er von diesem Ort erzählen. Dort angekommen, erklärt ihm sein Vater, dass er in dem riesigen Labyrinth vergessener Bücher und Autoren ein Buch auswählen soll, für das er zukünftig die Verantwortung übernehmen soll. Daniel weiß zunächst nicht, wie es ihm gelingen soll, aus den schier endlosen Gängen, gefüllt mit Regalen voller Bücher, das passende Werk auszuwählen. Doch spätestens hier beginnt die Magie zu greifen, die den Magischen Realismus so unverwechselbar werden lassen. Er greift nach dem Roman Der Schatten des Windes von Julián Carax. Er kann sich dem Sog des Buches bereits in diesem Moment nicht mehr entziehen. Daniel will, nachdem er das Buch gelesen hat, alles über Julián Carax wissen. Doch es ist gar nicht so einfach, etwas über den nebulösen Schriftsteller herauszufinden. Es beginnt eine fesselnde Reise durch Barcelona und ein paar Nebenschauplätze.

Die Geschichte ist spannend, teils düster, auf jeden Fall magisch. Oft weiß man nicht, wo die Wirklichkeit noch greift und wo sie in die fantastische Welt der Magie zu versinken beginnt. Irgendwie beinhalten Ruiz Zafóns Geschichten düstere Elemente der Gothic Novel, die einem immer mal einen eisigen kleinen Schauer über den Rücken laufen lassen.

Besonders hat mir gefallen, dass es Ruiz Zafón gelingt, neben der eben erwähnten spannend-schaurig-schönen Atomsphäre, Bilder in einem aufblühen zu lassen. Man sieht die Straßen Barcelonas vorm inneren Auge, riecht den Geruch der alten Bücher auf dem Friedhof der Vergessenen Bücher oder im Geschäft der Semperes. Ich kann mich heute noch, ohne groß nachdenken zu müssen, an Einzelheiten des Jugendzimmers Daniels erinnern. An die kleine Wohnung, in der er mit seinem Vater lebt. Solche Erfahrungen und Erinnerungen beeindrucken mich stets am allermeisten.

Um Der Schatten des Windes wurde wirklich viel Wind gemacht, was womöglich einige abschreckt, es in die Hand zu nehmen. Nach dem Motto: „Ich lese keine Hype-Bücher!“ Ich kann aber jedem nur wünschen, seine Hemmung oder Abneigung beiseite zu schieben und einen Versuch zu wagen. Es ist wirklich verzaubernd.