Buchversammlung · Buchwunder

Marisha Pessl – Eine amerikanische Nacht

„Todesangst ist so überlebenswichtig wie die Liebe.“
Stanislas Cordova – Rollin Stone, 29. Oktober 1977

Wie bereits an verschiedenen anderen Stellen meines Blogs erwähnt, kaufte ich Marisha Pessl neuen Roman (er erschien vergangenen Herbst im S.Fischer Verlag) bei einem, seit Monaten erstmaligen, Besuch in einer Buchhandlung. Mich sprach wieder das herrliche Cover des Buches an und der Titel klang für mich sehr verheißungsvoll. Mara schreibt auf ihrem Blog etwas mehr über die Hintergründe des Titels und eine ebenfalls beachtenswerte Rezension.

Ich begann noch in der Buchhandlung in dem Buch zu lesen…. Ich konnte nach dem ersten Satz nicht anders:

„Jeder hat einer Cordova-Geschichte, ob er will oder nicht.“

Und in dem Moment, in dem ich diesen Satz las, hatte ich meine eigene. Ich kaufte das Buch und begann nach wenigen Tagen das Lesen.

Die junge Ashley Cordova stirbt im Alter von 24. Sie wird in einem Auszugschacht entdeckt und ihr Tod wird rasch als nicht nachvollziehbarer, aber nicht weniger tragischer Selbstmord abgetan. Nach einigen Schlagzeilen in der Presse, verschwindet der frühe Tod des Mädchens aus dem Bewusstsein der meisten. Nur drei Menschen bleiben dran: Scott McGrath, ehemaliger investigativer Journalist, der sein ansehen verlor, als er Jahre zuvor schon einmal versuchte über die Cordova-Familie zu berichten; Nora, ein junges Mädchen, das Schauspielerin werden möchte, aber keine Mittel hat und durch eine Begegnung in einem Hotel mit Scott in Kontakt kommt und ihm helfen will, den Fall zu lösen; und Hopper, ein junger Mann ohne Zukunft, der einst in Kontakt zu Ashley stand und nicht glauben will, dass sie wirklich tot sein soll.

Diese drei machen sich auf die Suche nach der Wahrheit um Ashleys Tod und verstricken sich immer tiefer in die magischen Horrorgeschichten Stanislas Cordovas.

Cordova wird seit Jahrzehnten als einer der besonderen Leinwandkünstler gefeiert. Keiner schaffe es wie er, Horror erlebbar zu machen. Seine Filme werden nur unter der Hand verkauft und es werden nachts in abgelegenen Schächten und Lagerhallen Filmveranstaltungen für seine Fans die Cordoviten veranstaltet. Es gibt sogar eine geheime Internetplattform, auf der sich die Cordoviten über alles rund um Cordova, seine Filme und eigene düstere Phantasien austauschen. Cordova selbst hat seit Jahren keinen Film mehr veröffentlicht, um sein Verbleiben gibt es viele (düstere) Gerüchte. Keiner weiß, warum der schon immer menschenscheu wirkende Mann völlig zurückgezogen lebt; manche vermuten sogar, er könnte bereits tot sein. Nun, Scott, der vor Jahren versucht hatte, darüber zu berichten, dass Cordova auf seinem Anwesen The Peak vermutlich Kindern Gewalt antat oder eine Art Schwarze Magie betreibe, glaubt nicht an den Selbstmord Ashleys. Er vermutet, Cordova selbst habe etwas mit dem Tod des Mädchens zu tun. Und so beginnt er, gemeinsam mit Nora und Hopper, zu recherchieren. Während ihrer Recherchen treffen sie immer wieder auf Menschen, die ihnen dämonische Geschichten erzählen und sie immer tiefer in den Sog um die Geschichte der Familie Corodva ziehen. Es scheint sich um eine schwarzmagisches Teufelswerk zu drehen, in das Cordova auch seine Tochter mithineinzog, bis sie – ob aus Wahnsinn oder klarer Absicht – den Tod fand.

Schon bald können die drei Protagonisten kaum noch entscheiden, was Realität ist, was Illusion oder gar Magie. Auch der Leser wird in den Sog mithineingezogen. Das Leseereignis – es ist wirklich ein Ereignis – wird immer temporeicher, bis man selbst fast Zeit und Raum vergisst, gebannt von der Geschichte, will man wissen, ob Ashley unter einem Fluch litt oder sich aus einem anderen Grund heraus den Tod fand. Ich selbst war bis ungefähr zur Mitte hin gefesselt von den Recherchen und den Ereignissen, die sich aufeinandertürmten wie amerikanische Sandwiches. Doch dann kam ich ins stolpern und verlor den Faden. Warum genau, kann ich nicht sagen. Es wurde einfach etwas langatmig, ich hatte den Eindruck, dass mir die Puste ausgegangen war. Doch ermutigt von den Bloggern Mara und Jarg las ich seit Samstag in der Früh weiter. Und wieder passierte es: ich geriet erneut in den Sog der Geschichte und musste sie heute früh auslesen. Das Tempo wurde noch rasanter, die Wahrheiten und Lügen um Cordova, Ashley und all das Personal des Romans überschlugen sich. Bis zum Ende saß ich gebannt auf dem Boden meiner Bibliothek. Das Ende des Buches ließ mich ausgespuckt zurück. Ich konnte zunächst nicht begreifen, was ich da las und was es zu bedeuten hatte… fand es dann aber, nach einigen, tiefen Atemzügen genial.

Insgesamt hat Marisha Pessl nach sieben Jahren gelungen an ihr Debüt angeknüpft. Ich fühlte mich, bis auf den Durchhänger in der Mitte des Buches, unterhalten, gefangen, gegruselt. Sehr schön!

Ein Wort noch zur Gestaltung des Buches:
Angfangs überlegte ich, ob ich mir die Kindle-Version des Romans kaufe. Als ich allerdings dieses liebevoll gestaltet Buch in den Händen hielt, war für mich klar, dass ich in der gebundenen Version besitzen möchte. Das Buch steckt voller toller Details, wie ich sie in keinem anderen Buch bisher gesehen habe. Wer neugierig wurde, den verweise ich noch einmal auf Maras Blog, die dort Bilder eingestellt hat.

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Ein Kommentar zu „Marisha Pessl – Eine amerikanische Nacht

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